ALBUMREVIEW: Skyzoo "The Salvation"


Dieser junge Mann aus New York hat in den letzten Jahren keine Gelegenheit ausgelassen, seinen Namen auf zahlreichen Mixtapes und Freestyle Battles ausführlich zu buchstabieren und einen Underground Hype um sich zu erzeugen, der ihn in sensationeller Geschwindigkeit bis auf die oberen Ränge einiger renommierter amerikanischer Top MC Listen führte. Gestählt durch zahlreiche Cameo Appearances und mit dem Rückenwind eines weiteren mit Top Beats und hochkarätigen Features gespickten Mixtapes im Gepäck, hat Skyzoo im Spätjahr 2009 endlich die Katze aus dem Sack gelassen und der Öffentlichkeit sein offizielles Debüt vorgelegt.

Müsste man einen Scouting Report über Gregory Skyler Taylor anfertigen, würde dieser unweigerlich das aufweisen, was sich unter dem Siegel „Starqualitäten“ zusammenfassen lässt. Skyzoo vereint Flow, Punchlines und eine Portion hausgemachter New Yorker Arroganz mit herausragenden Storyteller-Fähigkeiten. Trotz unbestrittenen Talents und gewaltigen Vorschusslorbeeren lässt sich das Ergebnis seines Erstlings „The Salvation“ in puncto Verkaufzahlen wohl am ehesten als „flying under the radar“ beschreiben. Skyzoo hat weder die Charts mit einem Klingeltonhit gestürmt, noch mit einem Hochglanzvideo die Heavy Rotation für sich beansprucht.

Die Gründe für den überschaubaren Erfolg in fehlender musikalischer Qualität zu suchen, ist angesichts dieses 16 Tracks starken Feuerwerks jedoch absolut unangebracht. „The Salvation“ folgt einem soundästhetischen und inhaltlichen Gesamtkonzept und kommt als absolut stimmiges Gesamtprodukt um die Ecke, über dessen „Kundenfreundlichkeit“ man jedoch streiten kann. Der mitsamt Video ins Rennen geschickte Albumteaser „The Beautiful Decay“ deutete in Ton und Bild bereits an, was nun auf Albumlänge forgesetzt wird. Auf einem knallharten Beat von seinem liebsten Produzenten, North Carolinas Wunderkind 9th Wonder, spuckt Skyzoo die Definition seines Lifestyles unterstützt von unspektakulären Alltagsimpressionen aus dem Straßendschungel im Big Apple. Die zweite Auskopplung „The Necessary Evils“ folgt diesem Weg konsequent, wenn auch im Video durch den Auftritt von Boston Celtics Star und Teilzeitschauspieler Ray Allen (Hauptrolle in Spike Lees „He Got Game“) ein gewisser Glamourfaktor schlummert. Chorklänge und eine flächendeckende Bassline treiben den Beat aus der Feder von Needlz an und unterstützen Skyzoos smarte Ausführungen zu dem zweischneidigen Schwert des oftmals glorifizierten Hustlerdaseins.

Auf dem von der Detroiter Boom Bap Sensation Black Milk in gewohnt rustikaler Art geschmiedeten „Penmanship“ wird die hohe Kunst des Schreibens zelebriert, doch kann der hier eingeflochtene Vocal Scratch „born writer“ auch als Slogan für das kommerzielle Scheitern dieser Platte gesehen werden. Skyzoo ist ein exzellenter Lyricist – vielleicht schon zu raffiniert für den Geschmack des durchschnittlichen Raphörers. Hier wird genaues Hinhören verlangt, denn die Inhalte werden in Form ausgefeilter Metaphern und nicht in verzehrgerechten Häppchen gereicht. Die via Zwiegespräch mit dem Notizblock vorgetragenen künstlerischen Selbstzweifel im Illmind'schen „Dear Whoever“ zeigen Skyzoos Paradedisziplin: Kritische Selbstreflektion verpackt im feinsten poetischen Gewand:

The life of Kings and everything we call it
The realization of everything that we forfeit
The last scene of the night, with no applaudin
Tryin to circle back to when the curtains were called in
I talk to you, 'cause you told me to throw my all in
And now it feels like I'm too far in

Gleiches gilt für „Like A Marathon“, bei dem der vielleicht beste 9th Wonder Beat 2009 zum Einsatz kommt. Wunderschöne Soul Samples treffen auf eine pumpende Kickdrum und begleiten Skyzoo auf dem lyrischen Dauerlauf durchs Leben. Im Kontrast dazu steht das ebenfalls vom Justus Leauge Hausproduzenten fabrizierte „Fly Away“, das durch den Gesang von Carlitta Durand leider schnell vom Harmoniehimmel abschmiert.

Sämtliche Produktionen auf „The Salvation“ schlagen in eine ähnliche Kerbe. Synthesizerklänge muss man hier genau suchen, Samples tragen die Hauptlast und bereiten den Boden für wahlweise hart bouncende Beats, wie das von dem unbekannten Eric G beigesteuerte Brett zu „Bottom Line“, oder gefühlvolle Balladen der Marke „Under Pressure“, in dem Skyzoo die Schwierigkeiten zwischen Männlein und Weiblein besingt. Neben 9th Wonder, der die Hauptlast der musikalischen Unterhaltung stemmt, trägt sich der langjährige Jigga-Wegbegleiter Just Blaze als zweiter wirklicher Big Name in die Liste der Produzenten ein, kann bei „Return of the Real“ aber nicht durch neue Großtaten überzeugen. Eine wirkliche herausstechende Kompositionsleistung erwartet den Hörer beim Albumfinish „Maintain“. Was Nottz hier auspackt, definiert die Maßstäbe für orchestrale Arrangements auf einer Rapplatte neu. Diese Arie entwickelt sich aus einem simplen Pianopattern und einem Drumloop, der sogar ohne Hihat auskommt, hinein in ein orchestrales Spektakel, das mit Streichern, Vocal Samples, tiefen Beckensounds, Pianoakkorden und einem wahren Drumgewitter „The Salvation“ in einem unglaublichen Finale ausklingen lässt. Auch Skyzoo gibt hier noch einmal sein Bestes und erzeugt in Kombination mit dem unglaublichen Beat einen einprägsamen Schlusspunkt im Gehörgang.

Dieses Album ist in weiten Teilen sehr gut, wenn nicht sogar brillant, gleichzeitig lässt es einen mit dem unbestimmten Gefühl zurück, dass Herr Taylor aus Brooklyn das Zeug zum Superstar hätte, aber bewusst keinen Versuch unternommen hat, im Tempel der Prominenz einzuziehen. Popattitüde, Gangstergeprolle, glattgebügelte Clap Beats, all das wird man hier nicht finden, ebenso wenig wie auch nur einen einzigen Featurepartner neben Skyzoo. Es ist der Auftritt eines Künstlers, der sich seine ersten Sporen in den letzten Jahren durch unzählige Auftritte und Projekte verdient hat und nun eine Werkschau seiner ureigenen „Penmanship“ abliefert. Möglicherweise wird es Skyzoos nächstes Soloalbum sein, das ihm die Vorhänge für ein breiteres Publikum öffnet. Mit weniger sperrigen Produktionen und offensichtlicher vermittelten Inhalten könnte dieser Bursche sich seine eigene Nische im Zirkus der kommerziellen Musik schaffen. Wenn er denn überhaupt will.....

5 von 6 Mics


Hörprobe: