Gang Starr: Im Tode vereint



Als mich gestern die Meldung vom Tode Gurus per Email erreichte, war meine erste Reaktion eher Überraschung denn Trauer. Man hatte vor Monaten bereits von einer schweren Herzattacke gelesen, die er nur mit großer Mühe überlebt habe, sich aber auf dem Wege der Besserung befinde. Ein Krebsleiden, das wohl auch für die vorangehende Herzattacke verantwortlich war, hat einen der wichtigsten HipHop Künstler der 90er Jahre nun endgültig das Leben gekostet. Ich erinnerte mich an meine ersten Gang Starr Momente. Als ich mit Full Clip und Mass Appeal im Discman in der Hamburger U-Bahn saß und die Musik des Duos als perfekten Soundtrack für diese Momente meines Lebens begriff. Das Schöne an Gang Starr bleibt die Zeitlosigkeit ihrer Musik. Moment of Truth hat Bestand in meiner Playlist, im Gegensatz zu vielen anderen Künstlern, die wohl eher Ventil des pubertären Trotzkopfs eines weißen Mittelstandsbengels waren. Westside Connection, MC Eiht und NWA lassen mich heute eher grinsen ob der sowohl den Bands als auch mir zum damaligen Zeitpunkt eigenen Klischeehaftigkeit.

Gang Starr und ihr musikalisches Vermächtnis einzuordnen, fällt einem im Vergleich zum Einzelkünstler Guru relativ leicht. Gang Starr war pur: Die Blaupause für das MC/Producer Duo schlechthin. Minimalistische Beats aus der MPC, zwei Turntables und ein Mikrofon. Storytelling, Selbstreflektion oder klassische Battleraps, die dann meist in Begleitung illustrer New Yorker Kollegen bestritten wurden. Wenn es Guru und Premo in ihrer langen Geschichte als Crew jemals gelang, zu polarisieren, dann nicht durch Momente des comichaft Überzeichneten oder bahnbrechender Innovation, sondern durch ihre stoische Routine, die Kritiker entweder in Begeisterungsstürme oder angewiderte Langeweile auf hohem Niveau versetzte. Guru selbst skandierte auf ihrem letzen gemeinsamen Album, mit dem programmatischen Titel „The Ownerz“, im Bewusstsein der eigenen Position im Rapgame nicht zu Unrecht „They call us the most consistent“. Die Zweischneidigkeit des Schwertes Beständigkeit bekamen sie jedoch nicht erst 2003 durch die zwiespältigen Rezensionen ihres jüngsten Machwerks zu spüren. Ich erinnere mich an die Rawkus-Ära Ende der 90er Jahre, in der die Kritiker der JUICE ihre Lobeshymne auf Mos Defs „Black on Both Sides“ nicht ohne einen bissigen Seitenhieb gegen die vermeintlich stagnierenden MC-Götter Guru und Rakim schmettern konnten. Die Source überging Guru bei der Aufstellung einer Liste der 50 besten MC's aller Zeiten, während Premier zusehen konnte, wie Ägiden junger, ohne Zweifel vom Meister selbst beeinflusster Producer wie Swizz Beats, HiTek oder Just Blaze seinen Thron durch neuartige, vermeintlich „frischere“ Beats in Einzelteile zerlegten. Andererseits war der Aufschrei unter den Puristen groß, als der einstmalige Messias aus heiterem Himmel für Popstar Christina Aguilera an den Reglern saß. Guru selbst vertrieb sich die Zeit neben Gang Starr mit seinem Fusion-Projekt Jazzmataz, das ihm neben Zusammenarbeiten mit Legenden wie Roy Ayers, Isaac Hayes und Donald Byrd auch ein feingeistigeres Publikum abseits der HipHop Heads oder des Pop Mainstreams, der ihm ohnehin nie zugetan war, bescherte. Ich lehne mich soweit aus dem Fenster, zu behaupten, dass dieses Projekt in erster Linie für die nun erscheinenden Nachrufe in den Feuilletons elitärer deutscher Zeitungen verantwortlich ist, denen der Künstler Guru ansonsten eventuell zu farblos und irrelevant erschienen wäre. Obwohl sich auch bei ihm die ein oder andere Kontroverse abseits der Musik finden lässt, besaß Keith Elam nie die skandalumwitterte Stahlkraft der 50 Cents oder Tupacs der Industrie, ganz zu schweigen von vergleichbaren Chartpositionierungen.

Was abseits der Solowerke der beiden Künstler als Vermächtnis bestehen bleibt, ist die musikalische Eigenständigkeit des Duos Gang Starr, das den Sound einer HipHop Epoche prägte. Gang Starr lässt sich inhaltlich keinem Movement zurechnen, sie gehörten weder zum Gangsta Rap, noch zum Daisy Age oder der überpolitischen Fraktion der Marke Public Enemy. Sie kreierten eine kantige Soundästhetik, die gerade in der Spätphase ihres Schaffens selbstreferentiell bis ignorant wirken konnte, trotzdem waren es immer ihre gemeinsamen Werke, die die Aufmerksamkeit der ganzen Szene auf sich zogen und mit Spannung erwartet wurden. Gang Starr waren die ACDC des HipHops, nur wird Guru nicht wie der ebenfalls viel zu früh verstorbene Bon Scott durch eine andere Stimme ersetzt werden Während die aktuellen Produktionen von Premier und die letzten Releases von Guru wenig Beachtung erfuhren, kann man sicher sein, dass die Ankündigung eines weiteren verdammt unspektakulären, langweiligen, immer gleich klingenden Gang Starr Albums sämtliche Hip Hop Ohren hätte aufhorchen lassen. Sei es, um sich über die einmal mehr nicht stattfindende Entwicklung aufzuregen, oder aber der Freude an einem seit fast 20 Jahren perfekt funktionierenden Musikkonzept wegen. You know my steeeeeez...